20 Jahre Blind Jogging Schweiz
Von Wolfgang W. Schüler
Der Verein Blind Jogging ist die Dachorganisation des Blinden-Laufsports in der Schweiz, mit Hauptsitz in Basel. Dort fand am 12. September 2026 die Feier zum 20-jährigen Vereinsbestehen statt. Unter den anwesenden 100 Gästen – darunter viele Mitglieder, Vertreter der Stadt und Sponsoren – auch Wolfgang W. Schüler im Namen des VDL. In seiner Rede hob er die Bedeutung des Schweizer Vereinsengagements für inklusiven Laufsport und Lauftherapie bei Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit hervor, die nicht vor den Kantonsgrenzen Halt machte, sondern auch in Deutschland Modellcharakter annahm und Pate stand für hiesige Entwicklungen in den Bereichen Praxis, Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit.

Wolfgang W. Schüler (links) überreicht Gabor Szirt (rechts) die Urkunde zur Ehrenmitgliedschaft des VDL – Foto: © Blind Jogging CH
Unvergessen der Blindenguide-Ausbildungskurs, den der Initiator und Vorsitzende von Blind Jogging Gabor Szirt gemeinsam mit Ehefrau Madeleine für den VDL 2017 in Bad Lippspringe, NRW gab. Für sein innovatives, wegweisendes und jahrzehntelanges Wirken wurde Szirt nun mit der Ehrenmitgliedschaft des VDL bedacht. Er erhielt durch Wolfgang Schüler die von Klaus Assenmacher und Dirk Herres unterzeichnete Urkunde nebst VDL-T-Shirt. Gabor Szirt stand die Überraschung ins Gesicht geschrieben; seinen freudigen Dank an den VDL-Vorstand nahm Schüler mit auf die Rückreise.

Jubiläumsfeier 20 Jahre Blind Jogging am 12. September 2026 in Basel – Foto: © Blind Jogging CH
» Die Rede von Wolfgang W. Schüler in Basel im Wortlaut lesen

Wolfgang W. Schüler bei seiner Rede in Basel – Foto: © Blind Jogging CH
Die Rede im Wortlaut
Rede zum 20-jährigen Vereinsjubiläum von „Blind-Jogging“ am 12. September 2026 in Basel
Wolfgang W. Schüler
Vielen Dank für die Einladung, vielen Dank für die Möglichkeit hier zu sprechen, merci vielmal für die warmherzige Begrüßung!
Sehr geehrte Anwesende, liebe Lauffreunde, verehrte Akteure von „Blind-Jogging“,
als ich überlegte, was ich auf der heutigen Festveranstaltung sagen könnte, kamen mir Victor Hugo und Oscar Wilde in den Sinn, beide Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, der eine Franzose, der andere Ire.
Von Hugo stammt der Satz „Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. Und von Wilde „Persönlichkeiten, nicht Prinzipien, bringen die Zeit in Bewegung“.
Idee und Persönlichkeit – es braucht zweifelsohne beides, um etwas so Großes und Beständiges wie „Blind-Jogging“ hervorzubringen. Aber nicht rezeptbuchartig, nach dem Motto: man nehme erstens, zweitens, … So einfach ist es nicht.
Ja, man darf sogar fragen, ob nicht die Persönlichkeit am Ende entscheidender ist als die Idee. Denn um eine Idee umsetzen und zur praktischen Reife führen zu können, braucht es als Persönlichkeitseigenschaften mindestens die drei Bs: Besonnenheit, Belastbarkeit, Beharrlichkeit. Und, weil ein Initiator selten alles allein stemmen kann, ein tolles Team um ihn herum.
Sie kennen die Erfolgsgeschichte, wie der „Lauftreff beider Basel“ entstanden und aus ihm „Blind-Jogging Schweiz“ hervorgegangen ist, besser als ich. Lassen Sie mich deshalb anders – und um ein Bild zu gebrauchen – von der Ausgangsidee als einem Stein sprechen, der ins Wasser fällt und auf der Oberfläche immer weitere Kreise zieht.
Lassen Sie mich sprechen von dem Beabsichtigten und Unbeabsichtigten – unbeabsichtigt deshalb, weil seinerzeit nicht zu ahnen war, was alles sich aus den Anfängen heraus einmal entwickeln könnte.
Schauen wir zunächst auf die Alltagsebene: Menschen, die von Sehbehinderung und Blindheit betroffen sind, einen Zugang zum und eine Begleitung fürs Joggen bzw. sportliche Laufen zu ermöglichen – das war und ist ein starkes zwischenmenschliches Signal, ein gutes Stück Lebenshilfe. Weil körperliche Mobilisierung sowohl Leistungsfähigkeit und Wohlergehen fördert als auch neue Aktions- und Interaktionsräume öffnet.
Unter inklusiven Vorzeichen wiederum ist „Blind Jogging“ insofern ein starkes Signal, als es einen Weckruf für den organisierten Laufsport darstellte, seinerseits die Gruppe der Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit zu sehen – damit zusammenfindet und zusammenbleibt, was zusammengehört.
Das Heraustreten aus dem Privaten ins Öffentliche, der Brückenschlag von der persönlichen zur gesellschaftlichen Ebene – das geschieht bei „Blind-Jogging“ auf beispielgebende Weise. Nicht zu vergessen seine auch in Schulen, in Betrieben und auf Messen stattfindenden Aktivitäten, durch die öffentliche Sensibilisierungsarbeit geleistet wird.
Gute Signale! Nicht nur über Kantons-, sondern auch über Landesgrenzen hinweg. Womit ich zu meinem eigentlichen Thema, zur Rezeption von „Blind Jogging“ in der Bundesrepublik Deutschland kommen möchte.
Es ist einfach so: Ein Leuchtturm, der groß genug ist und kräftig strahlt, sendet sein Licht in weite Fernen. Und so dauerte es ja auch nicht lange, bis dieses Licht in Deutschland wahrgenommen wurde und die ersten Pilger sich auch von dorther in Richtung Basel aufmachten, um bei Gabor Szirt höchstselbst das Handwerk des Running-Guide von Läuferinnen und Läufern mit Sehbehinderung und Blindheit zu erlernen. Warum? Weil es in Deutschland und anderswo nichts Vergleichbares gab. Schon gar nicht eine lebendige inklusive Laufszene.
Und wie sich schon für Gabor sehr früh die Notwendigkeit abzeichnete, Gleichgesinnte, ja Mitstreiter für die Praxis zu gewinnen und die Guide-Ausbildung auf feste, institutionelle Beine zu stellen, so traten auch in Deutschland allmählich erste, vergleichbare, nichtkommerzielle Anbieter auf, bei denen man eine Schulung durchlaufen konnte und kann.
Zum Zusammenfinden von Tandems trägt mittlerweile das sogenannte „Guidenetzwerk Deutschland“ bei, ein Online-Portal, auf dem sich Guides und an Guiding Interessierte mit ihren Kontaktdaten eintragen können.
Besagte Angebote erfreuen sich der Nachfrage und sorgen für zunehmende Verbreitung. – So froh wir in Deutschland über diese Entwicklung sind, so dankbar dürfen wir für das Schweizer Vorbild und für die geleistete Schweizer Entwicklungshilfe sein.
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch auf einen weiteren, einen letzten Aspekt zu sprechen kommen:
Die konsequenteste Form, das im Laufen liegende Gesundheitspotenzial zu erschließen und auszuschöpfen, findet sich im Behandlungsansatz der Lauftherapie. Diese gibt es in Deutschland in Ausbildungsform seit den 1990er Jahren. Anwendung findet sie bei verschiedenen Beeinträchtigungen im körperlichen und seelischen Bereich.
Damit Lauftherapeuten im Bedarfsfall auch Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit ein passendes Angebot machen können, hatte der „Verband der Lauftherapeuten (VDL)“ Gabor um eine Schulung in Deutschland ersucht – und sich darüber freuen können, dass dieser der Bitte nachkam. Und so wurden, mit Unterstützung durch Ehefrau Madeleine, einige VDL-Mitglieder ausgebildet und zertifiziert.
Die Verbreitung der Idee des „Blind Jogging“ in Deutschland hat auch diesen fachspezifischen Weg genommen.
Was ersehen wir daraus?
Der von mir sehr geschätzte Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt lässt in „Die Physiker“ sagen: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Damit hätten wir sie wieder: Die Wirkkraft der Idee.
Und um diese auf die Wirkkraft der Persönlichkeit zu beziehen: Dass die Idee des „Blind Jogging“ vor der Schweizer Landesgrenze nicht Halt gemacht hat, haben wir Gabor und Team zu verdanken, die diese Grenze für Interessierte von außerhalb nicht nur offen gehalten, sondern auch entsprechende Kontakte und Kooperationen gepflegt haben.
Dafür soll Gabor bzw. der Verein „Blind-Jogging“ heute eine spezielle Ehrung erfahren. Dazu bitte ich ihn – dazu bitte ich dich, lieber Gabor – einmal zu mir.
Als Gründungs- und Ehrenmitglied des deutschen „Verband der Lauftherapeuten“, entstanden 1994, habe ich die ehrenvolle Aufgabe, dir bzw. „Blind-Jogging“ im Namen des Vorstands des VDL diese Urkunde zu überreichen.
Sie besagt: „Wir verleihen hiermit die Ehrenmitgliedschaft an Gabor Szirt – stellvertretend für den Verein Blind-Jogging, Schweiz – für herausragende Verdienste um das Laufen mit bzw. von Menschen mit Sehbehinderung und Blindheit.
Durch seine visionäre Arbeit hat er Vorbildwirkung auch in der Bundesrepublik Deutschland erlangt und Pate gestanden für dortige Weiterentwicklungen in den Bereichen inklusiver Laufsport und Lauftherapie.
Dafür gebührt ihm Anerkennung und Dank.
Es gratulieren herzlich im Namen aller Mitglieder
Klaus Assenmacher und Dirk Herres, Vorstand“
Auch meinerseits herzlichen Glückwunsch und alles Gute für die weitere Arbeit – für dich, lieber Gabor, den Vorstand und alle Mitwirkenden von „Blind-Jogging“!